Expertenkomitee warnt vor neuen Gentechnik-Verfahren
Beitrag von Arche Noah

Der internationale Tag der biologischen Vielfalt erinnert uns alljährlich an die ökologischen Grenzen der Erde. Denn manche dieser Grenzen wurden bereits überschritten: Der rasante Verlust der Artenvielfalt ist von globaler Dimension und eines der drängendsten ökologischen Probleme unserer Zeit.

Eine Ursache für das Aussterben von Tier- und Pflanzenarten ist die Industrialisierung der Landwirtschaft. 75 % der landwirtschaftlich genutzten Vielfalt sind bereits verloren gegangen(1).Heute gefährden Gentechnik, Patente auf Saatgut und Saatgut-Monopole dieses kostbare Erbe. Im SDG 15 hat sich die Welt daher zum Ziel gesetzt, dem Verlust der biologischen Vielfalt ein Ende zu setzen. Dabei sollten auch die Wechselwirkungen zwischen den 17 Nachhaltigkeitszielen der Agenda 2030 nicht außer Acht gelassen werden: Artenvielfalt ist nämlich nicht nur wertvoll an sich, sondern auch ein wesentlicher Faktor für die Widerstandsfähigkeit und die Resilienz der Ökosysteme - die natürliche Lebensgrundlage für unsere menschlichen Gesellschaften.

Neue Verfahren und rasche technologische Entwicklung: Auswirkungen auf die biologische Vielfalt unsicher

Die neuen Gentechnik-Verfahren ermöglichen direkte Eingriffe an vorbestimmten Orten im Erbgut. Sie werden eingesetzt, um Pflanzen mit Resistenzen gegen Schadorganismen und Herbizide wie Glyphosat auszustatten. Mittels sogenannter „Gene Drives“ kann die Geschwindigkeit der Ausbreitung entsprechender Veränderungen beschleunigt werden. Die Risiken und Nebenwirkungen, die mit der Anwendung dieser neuen Verfahren einhergehen, sind noch weitgehend unerforscht - die Saatgutkonzerne drängen jedoch auf ihre Anwendung.

Ein Expertenkomitee der Biodiversitätskonvention warnt nun vor den neuesten Entwicklungen in der Gentechnik. Die rasche technische Entwicklung könnte es erschweren, die potentiellen Auswirkungen auf die Biodiversität und die menschliche Gesundheit zu verstehen (2).Es sei daher notwendig, sich eingehender mit den Auswirkungen der Gentechnik auf die Erhaltung und nachhaltige Nutzung der biologischen Vielfalt zu befassen (3). Die potentiellen Risiken dieser neuen Gentechnik-Verfahren könnten noch weitergehender und umfassender sein, als die der bisherigen Gentechnik (4).Es sei Forschung nötig, bevor entsprechend veränderte Organismen in die Umwelt freigesetzt werden (2), und angesichts dieser Unsicherheiten müsse bei der Entwicklung und Anwendung entsprechend veränderter Organismen das Vorsorgeprinzip gelten, um mögliche erhebliche negative und unumkehrbare Auswirkungen auf die Biodiversität zu vermeiden (2).Denn wenn gentechnisch veränderte Pflanzen einmal in die Umwelt gelangt sind, können sie sich mit anderen Wildpflanzen oder Biopflanzen kreuzen. Haben sich entsprechende gentechnische Veränderungen einmal verbreitet, drohen sie unumkehrbar zu werden.

Die Gentechnik-Industrie hat jedoch einen anderen Weg eingeschlagen: Sie preist die neuen Techniken als so präzise und sicher an, dass die daraus entstandenen Gentechnik-Produkte möglichst ohne Zulassungsverfahren, Risikobewertung und Kennzeichnung auf Feld und Teller landen können. Im Gegensatz dazu stellte das Expertenkomitee der Biodiversitätskonvention fest, dass die herkömmlichen Risikoanalysen nicht ausreichend und angemessen sein könnten (5). Es regt daher an, die Risikobewertungen für diese neuen Gentechnik-Verfahren durchzusetzen und weiterzuentwickeln, damit negative Auswirkungen der neuen Verfahren ausgeschlossen werden können (6).

Biologische Vielfalt und ein neues, nachhaltiges landwirtschaftliches System

Mit der Anwendung der neuen Gentechnik-Verfahren versprechen Saatgutmonopole und Gentechnik-Industrie unter anderem die Welternährung zu sichern. SDG 2 „Ernährung sichern“ hat dafür jedoch ein anderes landwirtschaftliches System vor Augen: Nachhaltige und resiliente landwirtschaftliche Methoden, die die Produktivität und den Ertrag steigern, zur Erhaltung der Ökosysteme beitragen, die Anpassungsfähigkeit an Klimaänderungen und die Flächen und Bodenqualität schrittweise verbessern (SDG 2.4.). Damit das gelingen kann, braucht es biologische und genetische Vielfalt. Die Vielfalt unterstützt die Anpassung an extreme Wetterbedingungen, neue Krankheiten oder Schädlinge und hilft damit, Störungen im Ökosystem abzufedern. Sie sichert, dass sich unsere Umwelt an die sich stetig verändernden Bedingungen anpassen kann. Denn jedes Ökosystem, jede Pflanze und jede Sorte hat besondere und einzigartige Stärken und Schwächen.

Mit SDG 2.5. hat sich die Welt daher zum Ziel gesetzt, die genetische Vielfalt von Saatgut und Kulturpflanzen zu bewahren. Denn die Vielfalt bietet nachhaltige Lösungen an, bei denen es sich nicht um die Frage dreht, wie multinationale Saatgutkonzerne das meiste Geld durch den Verkauf von patentiertem Gentechnik-Saatgut & Glyphosat verdienen können. Ihre Erhaltung ist die Grundlage unserer heutigen und zukünftigen Ernährung!

 

Weiterführende Informationen:

Convention on Biological Diversity, Subsidiary Body on Scientific, Technical and Technological Advice, Ad Hoc Technical Expert Group On Synthetic Biology, 9.4.2018, CBC/SBSTTA/22/4

ARCHE NOAH Positionspapier, Keine Gentechnik durch die Hintertür, Mai 2018

Convention on Biological Diversity

Verweise im Text:

(1) Vgl. Union for Ethical Bio Trade; siehe auch FAO 2010.

(2) CBD/SBSTTA/22/4, S. 8, Rn. 25.

(3) CBD/SBSTTA/22/4, S. 7, Rn. 17.

(4) CBD/SBSTTA/22/4, S. 8, Rn. 22.

(5) CBD/SBSTTA/22/4, S. 11, Rn. 44

(6) CBD/SBSTTA/22/4, S. 11, Rn. 47, 48

 


BILDQUELLE: https://pixabay.com/de/ackerbau-pflanzenschutz-sprühnebel-1359862/

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